(Es ist dunkel, von schräg hinten fällt spärliches Licht auf
die Bühne. Lotte steht im Nachthemd vor dem Vorhang, in der Hand ihren Teddy. Im Hintergrund
werden Schlaflieder gesummt. Sie spricht wie im Halbschlaf, ohne dramatische Betonung.)
Nein, nicht.
Ich will das nicht.
Hör auf.
Ich hab Angst.
Wir führen das Theaterstück in der Regel an Orten, wo wir mehrere Kinderaufführungen
anbieten, auch separat für Erwachsene auf, um Eltern und interessierter Öffentlichkeit
die Gelegenheit zu geben, sich anzuschauen, was die Kinder vormittags zum Thema
Missbrauch gesehen haben.
In den im Anschluss durchgeführten Diskussionen wird uns regelmäßig die Frage gestellt,
wie denn die Kinder auf das Stück reagieren. Diese Frage beruht auf der zutreffenden
Einschätzung, dass Kinder das Stück ganz anders betrachten. Wir selbst haben
mitunter das Gefühl, obwohl wir haargenau das Gleiche für Kinder und für
Erwachsene spielen, als handele es sich um zwei verschiedene Stücke.
So ist es in den Nachtszenen, von denen es im Stück zwei gibt, bei
Erwachsenen-Vorstellungen totenstill. Für Erwachsene sind dies schlimme,
unendlich bedrückende Szenen. Nichts ist von abscheulichen Taten zu sehen, Tat
und Täter, in der üblichen Berichterstattung immer im Vordergrund, haben hier
nichts zu suchen. Zu sehen ist nur Lotte in ihrer schlaftrunkenen Ausgliefertheit
an etwas, das sie nicht begreift. Doch genau dieses Urbild von Schutzlosigkeit
und Verlorenheit ist wie ein Schlag in die Gefühlswelt des erwachsenen Publikums.
Es ruft die Erinnerung an Momente von Schutzlosigkeit und Verlorenheit in der
eigenen Biografie ebenso hervor, wie die an all die Versäumnisse, bei denen
von uns als Eltern oder LehrerInnen Schutz und Geborgenheit gefordert gewesen
wären aber nicht geboten worden sind.
Ganz und gar anders bei
Kinderaufführungen: Statt Totenstille herrscht hier
munteres Spekulieren. Frei von all den düsteren Assoziationen, die einem Erwachsenen
bereits der Untertitel unseres Theaterstücks mit auf den Weg gibt, sehen Kinder das,
was wir wirklich zeigen: Nämlich in diesem Falle nichts. Und entsprechend sind ihre
Schlussfolgerungen: "Träumt die?"; "Da ist ja gar nichts!"; "Die schlafwandelt."
Es wird auch gescherzt. Wenn Lotte fragt: "Ist da wer? Wer ist da?", dann lässt
die Antwort: "Ich!" meist nicht lange auf sich warten.
Anstelle von Angst erzeugt diese Szene bei Kindern etwas anderes:
Spannung. Spannung
durch die klassische Krimi-Frage: Was ist passiert und wer war es? Im weiteren
Verlauf des Stückes werden die Kinder nach Verdachtsmomenten und Indizien suchen,
die sie mitunter auf falsche Fährten führen, mal wird Walther, mal die Fröschin
verdächtigt. Auf die Frage, was passiert ist, gibt die nun folgende Szene vage Antwort.

Eine detaillierte Schilderung bzw. Darstellung des Missbrauchsgeschehens unterbleibt indes hier
wie auch im weiteren. Es geht in Hau ab du Angst! nicht um die konkreten Vorlieben
eines Täters, sondern um die Darstellung von allgemeinen Mechanismen, mit denen
missbräuchliche Beziehungen eingeleitet und aufrecht erhalten werden, sowie um
deren Wirkung auf die betroffenen Kinder - und vor allem: um Mittel und Wege,
sich aus solchen Beziehungen zu retten. Die Leerstelle, die das Stück In Bezug
auf Art und Weise des Übergriffs ganz bewusst lässt, kann selbstverständlich zum
Anlass für ergänzende Gespräche im Rahmen der
Nachbereitung genommen werden.